Als geborener Skandinavier war ich als Jugendlicher auf Reisen durch Deutschland stets von der umfassenden, hochwertigen, dichten Infrastruktur des Landes beeindruckt – ob nun Straßen, Autobahnen, Fernzüge, Kliniken, Schulen, Universitäten oder Schwimmbäder: Wo immer man hinkam, es hat funktioniert.
Höhepunkt der Reise in die elterliche Heimat war die Fahrt auf der Sauerlandlinie: mit dem Auto über eine imposante Autobahnbrücke nach der anderen durch die grüne Hügel- und Berglandschaft zu den Großeltern ins kleine Städtchen Kierspe, mit dem schönen Hallenbad neben der modernen Gesamtschule.
Das war alles mal. Heute stehen von den vielen Autobahnbrücken viele nicht mehr, Schulen und Schwimmbäder sind im Bestand veraltet, Straßen marode, Bibliotheken geschlossen.
Deutschland im Jahr 2025 – müde auf Zukunft?
Zu lange hat Deutschland den Bestand genutzt, um den Gewinn zu verbessern – statt mit dem Gewinn den Bestand zu verbessern. Die Infrastruktur, in die einst so umfassend investiert wurde, ist über viele Jahre weggespart und zum Hindernis geworden:
- Heute sehen 84 % der Unternehmen die mangelhafte Verkehrsinfrastruktur als wirtschaftliche Belastung.
- 92 % der betroffenen Unternehmen nennen marode Straßen als Hauptursache.
- 71 % stufen den Zustand des Schienenverkehrs als Standortproblem ein.
Die Daten stammen aus einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Die Studie hebt hervor, dass die deutsche Infrastruktur, einst ein Standortvorteil, heute zu einem Hemmschuh für die Wirtschaft geworden ist. Die Belastung hat sich seit 2013 deutlich verschärft (2013 sahen das 59 % so, 2018 67 %, 2025 84 %).
Mit 500 Milliarden die Wende schaffen
Deutschland hat sich viel vorgenommen: Mit dem im September 2025 verabschiedeten und am 2. Oktober im Bundesgesetzblatt erschienenen Sondervermögen von 500 Milliarden Euro will die Bundesregierung die Infrastruktur des Landes modernisieren und gleichzeitig die Klimaneutralität bis 2045 erreichen. Es ist eines der größten Investitionspakete in der Geschichte der Bundesrepublik – und eine historische Chance für einen echten Innovationsschub.
Das Sondervermögen „Infrastruktur und Klimaneutralität“ ist auf zwölf Jahre angelegt. Es erlaubt kreditfinanzierte Investitionen außerhalb der Schuldenbremse – ein Paradigmenwechsel in der deutschen Finanzpolitik.
Die Mittel verteilen sich wie folgt:
- 300 Milliarden Euro für Investitionen des Bundes (z. B. Verkehr, Energie, Digitalisierung, Bildung, Gesundheit)
- 100 Milliarden Euro für Länder und Kommunen
- 100 Milliarden Euro für den Klima- und Transformationsfonds (KTF)
Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu stärken, den Investitionsstau aufzulösen und die Infrastruktur zukunftsfähig zu machen. Der Sanierungsbedarf ist enorm:
- Schulen und Kitas: Bröckelnder Putz, veraltete Ausstattung, fehlende digitale Infrastruktur
- Verkehr: Sanierungsbedürftige Brücken, überlastete Bahnstrecken, unzureichende Ladeinfrastruktur
- Digitalisierung: Langsamer Glasfaserausbau, Funklöcher, fehlende Cloud-Infrastruktur für Verwaltung und Forschung
Die Kritik: Aufweichung statt Aufbruch
Trotz der ambitionierten Ziele gibt es bereits erhebliche Kritik – und zwar nicht an der Idee, sondern an der Umsetzung:
- Industrieverbände wie der BDI warnen vor einer „Mogelpackung“: Statt zusätzlicher Mittel würden bestehende Haushaltsgelder einfach umgeschichtet. Der Investitionsstau bleibe bestehen.
- Rechnungshöfe des Bundes und der Länder bemängeln, dass die gesetzlich vorgeschriebene „Zusätzlichkeit“ der Investitionen nicht klar nachgewiesen wird. Es fehle an Erfolgskontrollen und Rückforderungsmechanismen bei unwirtschaftlichen Projekten.
- Wirtschaftsexperten wie Clemens Fuest (ifo-Institut) kritisieren, dass das Vertrauen in die Finanzpolitik erschüttert werde. Die Mittel würden nicht dort eingesetzt, wo sie am dringendsten gebraucht werden – etwa bei Schulen, Schienen und digitalen Netzen.
Innovation beginnt mit Infrastruktur
Wer über Innovation spricht, muss über Infrastruktur reden. Denn ohne leistungsfähige Netze, moderne Bildungsstätten und zuverlässige Verkehrswege bleibt jede technologische Vision Theorie. Das Sondervermögen kann ein Katalysator sein – wenn es richtig eingesetzt wird.
Doch die aktuelle Kritik zeigt: Es braucht mehr als Geld. Es braucht eine klare Strategie, politische Entschlossenheit und den Mut, alte Strukturen zu hinterfragen. Nur dann wird aus dem Sondervermögen ein Zukunftsvermögen.
Fazit: Vertrauen schaffen, Zukunft gestalten
Die Bundesregierung hat mit dem Sondervermögen ein starkes Instrument geschaffen. Jetzt muss sie beweisen, dass sie es auch strategisch einsetzen kann. Für Unternehmen, Investoren und Bürger gilt aber ebenfalls, dass der Einsatz auch sinnvoll genutzt wird. Denn nicht der Staat wird hochwertige Produkte oder innovative Dienstleistungen sichern, dafür müssen die Unternehmen schon selber sorgen.
Bernd Buschhausen, Managing Director
H/Advisors Deekeling Arndt