Im Zeitraum vom 1. März bis zum 31. Mai 2026 steht in den Unternehmen ein wichtiger Termin an: die Betriebsratswahl. Alle vier Jahre wird die Interessenvertretung der Arbeitnehmenden gewählt. Betriebe mit mindestens fünf ständig beschäftigten Mitarbeitenden können einen Betriebsrat wählen. Die Vorbereitungen laufen derzeit auf Hochtouren. Involviert ist eine Vielzahl an Akteur:innen: der noch amtierende Betriebsrat, die Kandidat:innen für die Nachfolge, der Wahlvorstand, die HR-Abteilung, die Geschäftsführung, die Mitarbeitenden, ggf. Gewerkschaften – und nicht zuletzt die Kommunikationsabteilung.
Lackmustest für die Unternehmenskultur
Für viele Unternehmen ist der Wahltermin ein sensibles Ereignis. Mitarbeitende reflektieren in dieser Zeit besonders intensiv, wie ernst es das Unternehmen mit Beteiligung, Dialog und Vertrauen meint. Selbst wenn die Geschäftsleitung und die Kommunikationsabteilung bei der Wahl nicht eingreifen dürfen: Wie das Umfeld der Wahl erlebt wird, hat großen Einfluss auf die Stimmung im Unternehmen – und damit auf Arbeitgeberimage, Kultur und Transformationsprozesse.
Was Unternehmen strategisch beeinflussen können (und was nicht)
Nicht beeinflussbar ist die Wahl selbst (Ablauf, Kandidaturen, Kommunikation des Wahlvorstands), ebenso wenig das Abstimmungsverhalten der Mitarbeitenden. Aber beeinflussbar – und kommunikativ entscheidend – sind:
- Rahmen und Kultur: Wie respektvoll, transparent und professionell ist das Umfeld, in dem die Wahl stattfindet?
- Ton der Führung: Wie sprechen Geschäftsleitung und Führungskräfte über die Wahl und generell über die Mitbestimmung – neutral, respektvoll, dialogorientiert?
- Kommunikationsklima: Gibt es Kanäle und Foren, in denen Fragen und Sorgen frühzeitig adressiert werden können?
- Themenmanagement: Werden aktuelle Projekte, Restrukturierungen oder Reibungspunkte proaktiv erklärt – oder bleibt Raum für Spekulation?
Für Kommunikationsabteilungen heißt das: Die Monate vor der Wahl sind vor allem eine Zeit erhöhter Sensibilität – insbesondere, wenn das Unternehmen sich parallel in einem Change-, Integrations- oder Transformationsprozess befindet.
Konstruktives Miteinander statt Angst vor dem Betriebsrat
Unternehmensleitung und Führungskräfte sind gut beraten, sich für eine hohe Wahlbeteiligung bei den Betriebsratswahlen einzusetzen. Denn eine enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit einem engagierten Betriebsrat ist entscheidend, um handlungsfähig zu sein und gemeinsam die Zukunft des Unternehmens in die Hand zu nehmen. Insofern ist es im Interesse des Unternehmens, dass es eine starke Mitbestimmung gibt und dass sich qualifizierte und engagierte Kolleg:innen zur Wahl stellen, die etwas bewirken wollen.
Unternehmen sollten sich nicht vor einer starken Mitbestimmung fürchten. Auch müssen sie ihr nicht ohnmächtig das Feld überlassen. Denn gibt es eine gute, partizipative Kommunikation im Unternehmen, wird der Betriebsrat nicht zum Kummerkasten der Mitarbeitenden oder zum Verbündeten im Kampf gegen das Unternehmen, sondern zum Gesprächspartner für die Geschäftsführung auf Augenhöhe. Nahbare Vorstände, eine gute Unternehmens- und Führungskultur, Interne Kommunikation und Führungskommunikation – das alles trägt dazu bei, dass Mitarbeitende sich gehört und einbezogen fühlen. Der Betriebsrat kann sich dann darauf konzentrieren, als Vermittler zwischen Unternehmensführung und Belegschaft zu fungieren. Letztlich geht es darum, dass Unternehmensführung und Betriebsrat zu einem konstruktiven Miteinander finden.
Betriebsratswahl als Resonanzraum
Viele sehen die Wahl als Chance, „ihre Stimme“ im Unternehmen zu Gehör zu bringen – auch jenseits der Betriebsratsarbeit. Die Wahlen selbst sind ein Stimmungsbarometer – sie werden oft als Gradmesser für Vertrauen, Zufriedenheit und Führungsverhalten wahrgenommen. Aber sie sind auch ein Katalysator für Diskussionen: In Umbruchphasen (Fusionen, Reorganisationen, Kulturwandel) können kritische Themen stärker an die Oberfläche kommen. Gibt es Unzufriedenheit, Misstrauen, Veränderungsmüdigkeit, kann dies im Zusammenhang mit der Betriebsratswahl hochkochen. Kurz: Die Wahlen sind ein Resonanzraum.
Tipps für Kommunikationsverantwortliche
Entscheidend ist eine frühzeitige Planung: Wahltermine sind fix, aber die Stimmungen entwickeln sich vorher. Die Kommunikationsabteilung muss neutral bleiben und darf keinen Einfluss ausüben – aber sie kann trotzdem klar, sachlich und transparent informieren und kommunizieren. Vor allem aber sollte sie:
- Führungskräfte befähigen: Sie sind die wichtigsten Multiplikatoren – und gleichzeitig die größte Unsicherheitsquelle.
- Kritische Themen nicht scheuen: Konflikte oder Frustration sollten proaktiv adressiert werden – z. B. durch moderierte Dialogformate.
- Nach der Wahl nicht „abschalten“: Der echte Kulturmoment kommt danach – wenn die Zusammenarbeit mit dem neuen Betriebsrat beginnt.
Fazit: Wahlen als Chance für Kultur und Vertrauen
Betriebsratswahlen sind mehr als ein organisatorischer Prozess – sie sind eine Nagelprobe für die Kommunikationskultur. Wer sie strategisch begleitet – mit Haltung, Transparenz und einem klaren Verständnis von Mitbestimmung als Teil von Unternehmenskultur – stärkt das Vertrauen der Mitarbeitenden und die Glaubwürdigkeit der Führung.
Natascha Kunath, Managing Director
H/Advisors Deekeling Arndt